Auf ein Wort

"Gott tanzt Ragtime, wenn es keiner sieht!"

heißt es in dem kleinen, nicht mehr ganz neuen Büchlein "Novecento" von Alessandro Baricco: Die Geschichte eines Findelkindes, das am 1. Tag des letzten Jahrhunderts an Bord eines Ozeandampfers entdeckt wird. Aus dem Kind wird ein Pianist, der sein Leben lang das Schiff nicht verlässt, und auf den Fahrten über das Meer die Menschen mit seiner Musik bezaubert. Eine wunderbare Geschichte, die sich, wer mag, gern bei mir ausleihen kann...

Eigentlich ist das keine Geschichte über Gott. Aber was für ein schöner Gedanke: Gott, allein zuhause, tanzt. Ragtime. Vielleicht doch auch Walzer. Oder Salsa...

Wir sollen uns ja kein Bild machen, aber sprechen doch oft in Bildern von Gott: Vater. Richter. Hirte.

Geht das dann auch: Gott, der tanzt?

Keine ganz neue Idee – viele kennen das Lied "Lord of the dance", Gott des Tanzes, das von Jesus erzählt, der durch das Leben tanzt, von der Krippe in Bethlehem bis zur Auferstehung in Jerusalem...

Auch in anderen Religionen tanzen die Götter: Shiva zum Beispiel im Hinduismus.

Häufig wird für Gott getanzt, in Kirchen und Tempeln. In der Bibel tanzt die Weisheit vor Gott; Miriam, Moses' Schwester, tanzt vor Freude über die Rettung vor der Verfolgung; sogar König David tanzt ausgelassen vor seinem Herrn.

Unter Christen war das Tanzen lange verpönt, weil mit Berührung verbunden, und galt oft als unzüchtig. Tango!

Gepriesen die Orte, an denen diese Haltung überwunden ist! Bei uns wird in der Kirche getanzt: Meditativ in Ahlem, seniorenbewegt in Davenstedt, Walzer sowieso; Tango nicht ausgeschlossen, bei Gelegenheit.

Ragtime, hieß es, ist die Musik, nach der Gott tanzt, wenn es keiner sieht. Tanzt Gott wirklich? Wer weiß. Vielleicht so, wie er mit den Fröhlichen lacht und mit den Trauernden weint, bewegt er sich mit den Tanzenden, eng umschlungen mit den Liebenden, wild mit den Rockenden, stilvoll mit den Standardfreunden, und war vielleicht auch mittenmang bei den Spielern und Fans von Hannover 96 nach dem Aufstieg...

"Du siehst mich", hieß es beim Kirchentag in Berlin... Gott sieht uns. Und besser, er sieht uns tanzen als marschieren, besser bes(ch)wingt als erstarrt, besser berührt als einsam.

Eine gesegnete Sommerzeit, mit viel Musik und Spiel und Tanz und einem freundlichen Gott an Eurer, an Ihrer Seite!

Uwe Siemers-Ziegler