Weserschlamm mit Stroh und Kälberhaar

Weserschlamm mit Stroh und Kälberhaar

Trüb-regnerisch ist es am frühen Morgen des 30. Juli 2011. Alles andere als trüb dagegen ist die Stimmung der 16 Damen des Frauenkreises der Martin-Luther-Kirche Ahlem, die an diesem Morgen zu ihrem Jahres-ausflug starten.
Mit dem Bus soll es in diesem Jahr zu den 'Schatzkammern des Weserberglandes' gehen (so der Titel dieser Fahrt des Veranstalters Beckmann-Reisen). Nach dem Halt am ZOB ist der Bus voll besetzt und die Reisegäste werden vom fröhlich gestimmten Chef persönlich nicht nur routiniert in Richtung Wesertal chauffiert, sondern während der gesamten Hin- und Rückreise humorvoll unterhalten und kenntnisreich über Sehenswürdigkeiten, Besonderheiten, Aktuelles und Historisches rechts und links der Fahrstrecke informiert. Die Begeisterung von Herrn Beckmann für Land, Leute und Geschichte(n) wirkt so kurzweilig, dass die Zeit wie im Fluge vergeht. Die erste Etappe und Hauptziel der Reise, das „Kloster Brenkhausen“ bei Höxter ist am frühen Vormittag erreicht.
Genauer gesagt handelt es sich um das Koptisch-Orthodoxe Kloster der Heiligen Jungfrau Maria und des Heiligen Mauritius //kurz „Kloster Brenkhausen“


Das Kloster wird seit dem Erwerb 1994 geleitet von seiner Excelens Bischof Anba Damian, der uns fröhlich, wie alte Bekannte, mit Tee und Gebäck begrüßt. Der erste Eindruck besticht durch eine freundlich-gelassene Geschäftigkeit, fremdartig-orientalische Gesangesfetzen und Schwaden von Weihrauch (die von einer eben beendeten Weihrauchandacht stammen). Der Blick schweift über wunderschöne Wandmalereien in erdigen Farbtönen und klaren Linien, sowie (in der Kapelle) über herrliche Holzschnitzereien, die den Altarraum abschirmen. Alles lässt uns logischerweise an ägyptische Tempel denken - letztlich heißt 'Kopte' schlicht Ägypter und die Traditionen dieser Christlichen 'Urkirche' reichen weit zurück, bis ins Jahr 41 nach Christus.
… In der Kapelle erfahren wir von Bischof Damian so viel Geschichtliches, dass es den Rahmen dieses Berichtes sprengen würde (s. Internet-Adresse am Ende). Was nicht fehlen darf, ist der Hinweis auf die Überschrift: Bei der mühseligen Restaurierung der Gemäuer wird nach alter Handwerkskunst verfahren, nur findet statt des Nilschlamms eben Weserschlamm Verwendung: gemischt mit Stroh, Sand und Kälberhaar ergibt das den Unterputz für die Wände – dem abschließenden 'Glattputz' wird anstelle des Strohs Sägemehl und … Quark (!) beigemengt - die Resultate sind erstaunlich!

Unter anderem erfahren wir von den Schwierigkeiten durch und mit dem Denkmalschutz und kommen während der Führung durch bereits fertige Räume (hier sind u.a. ausgestellte Sammlungen von Bibeln und Kreuzen zu bewundern) und die 'Baustellen' des Klosters aus dem Staunen garnicht mehr heraus!
Man kann diesem Fleiß und der Liebe zur Sache nur bedingungslosen Respekt zollen - genauso wie der Gastfreundschaft: Da im Kloster nur der Bischof, zwei Diakone und acht Schüler leben, kommen an solchen 'Besuchertagen' viele HelferInnen aus der Koptischen Gemeinde von Brenkhausen zum Helfen ins Kloster. Obendrein findet an diesem Wochenende auch ein Seminar von Ägyptologen statt und es wird eng im Speisesaal. Macht nichts, man rückt zusammen, kommt noch besser ins Gespräch und genießt ein einfaches, aber äußerst schmackhaftes Mittagessen – Lieder und Gebete inbegriffen ...
Dankbar und voller Eindrücke verabschieden wir uns gegen 14Uhr von unserem liebenswürdigen Gastgeber und lassen uns, erfüllt und tief beeindruckt, zum nächsten Reiseziel, nach Helmarshausen chauffieren.
… Nicht weit von Höxter liegt Bad Karlshafen und das Museum des Heimatvereins Helmarshausen wird zum zweiten Höhepunkt an diesem Tag. Das ehemalige Kloster Helmarshausen galt im 12.Jahrhundert als DIE Adresse für Goldschmiedekunst, Skriptorium und Buchbindehandwerk. Hier entstand, hauptsächlich durch den Mönch Roger, das weltberühmte Evangeliar Heinrichs des Löwen. Diese Kostbarkeit, die lange in Sammlerhänden verschollen war, wurde 1983 in London bei Sotherby nach Deutschland zurück ersteigert – für die stolze Summe von 16,4 Millionen Euro und ist seither in Wolfenbüttel (Herzog-August-Bibliothek) zu bewundern.
Allerdings nennt der Heimatverein ein Faksimile sein Eigen und im Mueum sorgen sowohl eine fachkundige Führung als auch ein Videobeitrag für beste Informationen und rundgestaunte Augen – großartig!
Jetzt gibt es zur Vertreibung der aufkommenden Müdigkeit im Café um die Ecke noch ein leckeres Stück Kuchen und ein Kännchen Kaffee … (wie alles bei dieser Tagesfahrt bestens organisiert!)
Noch rasch ein letztes Foto, bevor die ganze Reisegesellschaft zur Heimfahrt wieder in den Bus klettert – Himmel, was war das für ein toller Tag – den werden wir so schnell nicht vergessen!

www.koptisches-kloster-hoexter.de
de.wikipedia.org/wiki/Koptische_Kirche
Buchtipp: „Die Koptische Kirch“ von A. Gerhards & H. Brakmann ISBN: 3-17-012343-2

Gudrun Pohlmeyer